Experiment mit Minimalschnitt: Wildwuchs gegen Frostschäden?
Einfach mal wachsen lassen: Das Staatsweingut Schloss Wackerbarth experimentiert mit Minimalschnitt im Spalier. Damit will das Unternehmen mittelfristig seine Frostschäden in ungünstigen Lagen kompensieren, sagt Till Neumeister vom Außenbetrieb des Radebeuler Weinguts. Auf einer flachen Lage in Weinböhla, wo die kalte Luft nicht abfließen kann, hat das Staatsweingut im vergangenen Jahr erstmals zwei Rebzeilen weitestgehend ungestört wachsen lassen. Dort steht die Rebsorte Solaris auf sandigem Boden, der schon zu DDR-Zeiten mit sogenanntem Industriekompost angereichert wurde. Da die aufwendigsten Arbeiten im Weinberg – Rebschnitt, Biegen, Heften der Laubwand und das Entblättern – entfallen, spart der Minimalschnitt im Spalier 50 bis 70 Prozent der Arbeitszeit im Berg.

Till Neumeister zeigt, wo Wackerbarth nicht mehr schneidet.
Mit dem Laubschneider werden die Rebstöcke lediglich bei einem Winterschnitt gestutzt und das Laub im Sommer einmal geschnitten. Wichtigster Arbeitsgang ist das Ausdünnen der Trauben mit dem Vollernter. Neumeister erklärt, dass dies etwa drei Wochen nach der Blüte passieren muss, dann haben die Beeren etwa Erbsengröße. Andernfalls würden die Rebstöcke durch Überertrag belastet, da einfach mehr Triebe auch mehr Trauben ansetzen. Durch das maschinelle Abrütteln der Trauben gerate die Rebe unter Stress und stelle das Traubenwachstum kurzzeitig ein, so Neumeister. Zugleich wird die Traubenstruktur gelockert und die Beerenschale verdickt, beides schützt vor Fäulnis. „Der Befall mit dem gefürchteten Botrytis-Pilz ist deutlich geringer“, hat Neumeister beobachtet. Durch den Schock entstehe aber ein Entwicklungs- und folglich auch ein Reifeverzug von drei Wochen. Deshalb ist diese Erziehungsform in Sachsen nur für frühreifende Sorten geeignet. Weniger Wunden durch Rebschnitt verminderten zudem die Infektionsgefahr mit der Rebholzkrankheit Esca, hieß es.

Die flache Rebfläche in Weinböhla ist anfällig für Spätfröste.
Wichtiger für Wackerbarth ist aber die Tatsache, dass sich die Traubenzone nach oben ausbreitet. Damit können Spätfröste in Bodennähe, die gebogenen Reben zusetzen würden, im Minimalschnitt den oberen Knospen nichts anhaben. Mehr Laub im Sommer verhindert zugleich Hagelschäden an den Trauben, beschattet diese allerdings auch. Das kann sich auf die Qualität der Trauben auswirken und zudem das Vorkommen der schattenliebenden Kirschessigfliege fördern. „Wir sind noch ganz am Anfang, wissen auch nicht, wie lange Rebanlagen im Minimalschnitt wirtschaftlichen Ertrag bringen“, erklärt Neumeister. Eine Umstellung auf Minimalschnitt sei ab dem siebten Standjahr möglich. In diesem Jahr will Wackerbarth 18.000 Rebstöcke im Spalier testweise im Minimalschnitt erziehen - in Weinböhla die Rebsorte Solaris und linkselbisch in Reichenbach die Rebsorten Goldriesling und Grauburgunder sowie in Dölzschen die Rebsorte Kerner. Es handelt sich in allen Fällen um keine Top-Lagen. Die Trauben seien auch nur fürs Basissegment vorgesehen.
In Diesbar-Seußlitz experimentiert Wackerbarth zudem schon länger im Bacchus mit Minimalschnitt in Glockerziehung. Hierbei musste wegen des ausladenden Wuchses aber jede zweite Zeile gerodet werden. Laien, die in den Weinbergen spazieren gehen, glauben häufig, dass die wildwachsenden Rebflächen gar nicht mehr bewirtschaftet würden. Deshalb legt Till Neumeister auch großen Wert auf den Hinweis, dass Minimalschnitt im Spalier ästhetisch ansprechender sei.

Im Drahtrahmen bleibt auch minimalerzogener Wein halbwegs in Form.
Verschiedene Studien aus deutschen Weinbau-Hochburgen bescheinigen der Minimalerziehung durchaus Vorteile. Allerdings gibt es auch Einschränkungen. So lassen sich Ertragsmenge und Qualität in dichtem Wuchs nur ungenügend steuern, um wirklich hochwertige Weine produzieren zu können. Ein gestandener sächsischer Winzer sagte deshalb, Minimalerziehung eigne sich „höchstens für Sektgrund- oder Billigweine “. Es sei „bedenklich“ für eine Flasche Wein mehr als zehn Euro zu verlangen und zugleich über Minimalschnitt nachzudenken.
Weinfachmann Oliver Bork, der im hessischen Geisenheim und im italienischen Udine Weinbau und Kellerwirtschaft studiert hat, ist beim Minimalschnitt zwiegespalten und verweist darauf, dass die Umstellung auf eine Minimalschnittanlage immer einer sorten- und standortspezifische Entscheidung bedarf. Vorrangiges Ziel sei die Verringerung des Arbeitszeitaufwands im Berg. „Rebschnitt und Biegen machen schließlich fast 50 Prozent des Arbeitszeitbedarfs in der Traubenproduktion aus“, sagt der 28-Jährige.

Junge Reben schneidet Wackerbarth klassisch. Erst ab dem siebten Standjahr wird mit Minimalerziehung experimentiert.
Die Rebe verfüge über verschiedenste Selbstregulierungsprozesse, die bei Umstellung auf Minimalerziehung einsetzten. Versuche in Geisenheim und im Weinland Rheinland-Pfalz hätten gezeigt, dass sich der Austrieb der Weinstöcke über die Jahre reduziert und sich die Blattfläche den neuen Gegebenheiten anpasst. So werde ein Fünftel mehr Lichtenergie absorbiert. Nach und nach reduziere sich bei einigen Sorten die Fruchtbarkeit und folglich der Beerenansatz. „Insgesamt konnte bei vielen Sorten ein verbessertes Mikroklima in der Anlage beobachtet werden und auch eine lockerere Traubenstruktur“, erklärt Bork. Das reduziere die Anfälligkeit der Trauben gegenüber Fäulniserregern. Außerdem haben Nutzinsekten, wie Raubmilben, in minimalerzogenen Anlagen bessere Lebensbedingungen.
Experte: Ungeeignet für trockene Standorte
„Das größte Problem ist der hohe Ertrag“, so der Weinbauexperte. Die Anlagen müssen deshalb massiv ausgedünnt werden, was üblicherweise mit dem Vollernter geschieht. Eine Überdosierung des pflanzlichen Hormons Gibberellinsäure zur Wachstumsregulierung werde nach den Versuchen hingegen nicht empfohlen. Zudem müsse der höhere Wasserbedarf der Reben mit den vielen Blättern und Trieben beachtet werden. Für trockene Lagen sei Minimalerziehung deshalb ungeeignet. Die Trauben selbst sollen mehr Aroma zeigen und rote Rebsorten höhere Phenolgehalte aufweisen, was im Keller Auswirkungen auf Farbe, Geruch und Geschmack der ausgebauten Weine haben kann. Riesling, Müller-Thurgau und Dornfelder seien unter anderem klassische Sorten für Minimalerziehung, sagt Oliver Bork. Burgundersorten, Schwarzriesling oder Silvaner eigneten sich nach seiner Einschätzung hingegen nicht.
Text/Fotos: Lars Müller
(auch erschienen in den DNN)